Freitag, 29. Juli 2022

Wenn Dir das Leben sagt, wo es lang geht.


Vorweg. Ich bin leider kein großer Freund von Zeitformen. All das hier ist bereits passiert. Trotzdem hab ich hier und da aktiv so geschrieben, als würde das gerade im Moment geschehen. Hab das Gefühl, das macht das irgendwie greifbarer. Als wäre man live dabei. Viel Spaß beim Lesen.


Vier Wochen Urlaub. Herrlich. Klingt wie ein Traum oder? So viel „arbeitsfreie Zeit“ am Stück gab es zuletzt als Kind für mich. Sommerferien nannte sich das. Und wenn Zweidrittel Deines Jahresurlaubs für Etwas draufgehen, dann hast Du Deine Gründe dafür und selbstverständlich auch eine entsprechende Erwartungshaltung an „das Ganze“.


Also warum nun? 


Meine „lütte“ Große hat ihr ABI errungen. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Und der soll nun mit einem ganzem Jahr auf Kreta starten. Also nicht nur gammeln, sonnen und im Pool planschen. Nein, nein. Auch das Schaffen steht auf ihrem Plan. Ähnlich dem „Travel and Work“ Konzept. Nur eben weniger Travel, mehr in den Grenzen einer Insel.


Dazu darf/muss erwähnt werden: Auf Kreta wirst Du alles andere als reich werden. Und vor allem kommt Dir kein Job entgegen geflogen. Das heißt, Du musst Dich früh kümmern. Das haben meine Tochter und ihr deutsch-griechisches Netzwerk auch gut hinbekommen. Ohne Unterstützung aus der heimatlichen Ferne wird’s trotzdem nicht funktionieren. Dafür sind wir aber auch da. Aber was auch noch sehr wichtig ist. 


Das Töchterchen muss dann aber auch mobil sein, dort Vorort. Weil Wohn- und Arbeitsplätze leider nicht zu Fuß oder nicht mit dem eher sparsam gesätem Öffentlichen Verkehr zu bestreiten sind. Deshalb wurde schon zum Jahresanfang ein Auto gesucht und auch gefunden. Und weil zwischen Kreta und daheim knapp 3.000 Kilometer liegen, sollte es eine „gute“ Marke sein. Eine, der man vertraut. Trotzdem oder vielleicht auch deswegen wurde vorweg noch einmal ein kompletter Check gefahren. Knapp zwei Wochen vor Ultimo musste dann auch noch der Anlasser erneuert werden, da dieser seinen Dienst quittierte. 


Unvorstellbar, wenn das auf Kreta passiert wäre. Womöglich, wenn wir wieder heimwärts geflogen wären und das Töchterchen mehr oder weniger alleine auf der Insel mit kaputtem Auto gestanden hätte. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass zum Traumurlaub auch noch der Fakt hinzukommt, dass fast am Ende der dritten Woche das Kind, mein Töchterchen, endlich 18 Jahre alt wird? Also auch erst dann ganz alleine Auto fahren darf. Man wird mir daher meine Nervosität in Sachen nicht funktionierender Dinge, bei denen ich aus der Ferne nur schwer unterstützen kann, nachempfinden.


Wie kommt’s nach Kreta, das Wägelchen? 


Mit meinem besten Kumpel wurde ähnlich früh der Transfer nach Kreta geplant und dann auch durchgeführt. Start in Rostock und dann quer durch Deutschland, Tschechien hin zur Slowakei. Bratislava war unser erster Zwischenstopp. Am nächsten Tag ging’s dann weiter. Über Ungarn, Serbien, rein nach Nordmazedonien. In Skopje, unserem zweiten Zwischenstopp und exakt in der Zielstraße ging an einer Ampel der Wagen, dank der Start-Stop-Funktion erst aus und dann leider nicht wieder an. Mit genau diesen Symptomen hatten wir ihn keine vier Wochen zuvor in Deutschland mit Anlasserversagen diagnostizieren lassen. 


Ein kurzes Nervenversagen später und mit Hilfe meiner Frau am heimischen Telefon, wurde erst die Versicherung kontaktiert, die dann wiederum den örtlichen „Abschleppharry“ in Skopje beauftragte uns huckezupacken und zum lokalem Auto-Service zu schleppen. Danach hat uns der gute Mann noch zu unserem Appartement gefahren. Kurze Nacht. Viele Dinge im Kopf.


Am nächsten Tag ging’s dann per Taxe direkt zur Werkstatt. Wir hatten ja einen Zeitplan im Hinterkopf und in Piräus wartete am Abend die Autofähre auf uns. In der Werkstatt ging es zäh voran. Irgendwann hatte man sich unserer Diagnose angeschlossen. Allerdings startete der Wagen wieder. Ein neuer Anlasser braucht knapp eine Woche bis er in Skopje verbaut werden kann. Viele Ideen zerpflückten unsere Gedankengänge. Bleiben, aufteilen, weiterfahren auf „Teufel komm raus“? Ich hab mich dann von meinem Freund zum Weiterfahren überreden lassen. 


Tom, nicht nur dafür bin ich Dir wahnsinnig dankbar. 


Allerdings war der Zeitplan im Ar***. Noch in Skopje hab ich die Fährfahrt um einen Tag nach hinten verlegt bekommen. Und weiter ging’s. Raus aus Nordmazedonien und rein nach Griechenland. Endlich wieder Europäische Union. Das war auch so ein Ding in Nordmazedonien. Nix Union. Nix Abkommen. Nix Roaming (50 Minuten Telefonieren, 50 MB Datenvolumen, 50 SMS). Das ist absolut nix. Und wer bitte schreibt heute noch SMSen? Im europäischen Griechenland hingegen stieg das Sicherheitsgefühl in uns förmlich bzw. spürbar an.


Irgendwo auf der Strecke mussten wir noch ein weiteres Mal tanken. Wir haben auf der kompletten Strecke etliche Euros in den Tank gepumpt. Die aktuelle Challenge hieß nun aber: „Tanken mit laufenden Motor“. Was in Deutschland gar unmöglich scheint, lief hier wie am Schnürchen. Hab mich aber trotzdem wie ein Fluchtwagenfahrer gefühlt, der darauf wartet, dass seine Mitkriminellen alsbald mit Taschen voll Kohle aus der Bank gestürmt kommen.


Da auch das super geklappt hat und die Straßen zwischen den unzähligen Mautstellen mehr als frei zu sein schienen, keimte eine neue Idee in unseren Köpfen auf. Der Wagen läuft und es wäre doch ideal mit laufenden Motor die ursprünglich geplante Fähre zu bekommen. Aber wir haben doch schon unwiderruflich umgebucht! Lass es uns zumindest versuchen. Ein „Ups, falsches Datum“ hätten wir ansonsten auch noch auf Lager. Zum Glück findet sich recht schnell eine griechische Polofahrerin, die offensichtlich unser Ziel teilte und in Richtung Piräus ballerte. Und wir quasi in ihrem Windschatten mit. Kurz vor Piräus wurde sie allerdings von der Polizei herausgezogen. Wir jedoch nicht. So viel Glück und eine Fähre in Sichtweite.


In Piräus und zwanzig Minuten vor angesetztem Auslaufen der Fähre angekommen, erreichten wir unser Gate Drei. Doch das Tor war zu. Nicht mit uns. Mein Kumpel sprang zusammen mit dem Ausdruck des ursprünglichen Tickets aus dem Auto und rannte durch eine Tür zum Checkin. Derweil übte ich mich in meiner mir zugeteilten Funktion des Fluchtwagenfahrers. Mit laufendem Motor natürlich. Eine gefühlte Ewigkeit später, aber in Wirklichkeit nur kurz darauf, kam er mit den Tickets zurück. „Gate Sieben“ schrie er. Mit quietschenden Reifen rasten wir los und direkt hinein in einen Ministau. Nicht ohne Fluchen und innerem Wahnsinn haben wir es dann aufs Hafengelände geschafft. Und wenige Augenblicke später standen wir dann als letztes Auto auf der Autofähre nach Kreta. Was für ein Tag!


Unsere gebuchte Kabine war leider bereits wieder weiter vermietet worden und war somit für uns nicht mehr zu haben. Wir haben dann Sitze zugewiesen bekommen. Ähnlich wie an Bord in einem Flugzeug. Egal. Wir und der Wagen sind an Bord. Eine Nacht lang wird die Fähre bis Heraklion und damit bis zur Zielinsel benötigen. Wenn nur noch das Auto früh anspringt, dann kann die bereits recherchierte Werkstatt direkt angesteuert werden. 


Noch vor Sonnenaufgang hält mich nix mehr in meinem Sitz. Müdigkeit lässt mich an der Reling stehend, frieren. Mein Freund ist mit zwei Tassen Instantkaffee zur Stelle. Eklig schmeckend, aber wärmend kippen wir das Zeug in uns hinein. Zusammen stehen wir da und blicken in den Sonnenaufgang und dann irgendwann in die sich immer detailreicher abzeichnende Silhouette des Hafens. 


Wir sitzen im Wagen. Mein Kumpel und Glücksbringer auf diesem Roadtrip drückt den Startknopf. Der Motor startet. Und wieder fällt ein mächtiger Stein vom Herzen. 

Keine 30 Minuten später befahren wir die Autowerkstatt, erklären uns und unser Problem mit dem Wagen. Nicht viel später holt uns eine Freundin mit Auto von dort ab und bringt uns zur knapp 70 Minuten entfernten Ferienwohnung. Soweit, so gut. Sonntags in Rostock gestartet. Am Mittwoch, keine vier Tage später, mit blauem Auge, am Ziel angelangt. Der Urlaub kann starten. Dreieinhalb Wochen liegen noch vor uns, vor mir. 


Zum Ende der Woche hin sind Frau und Töchterchen von meinem Freund per Flugzeug eingetrudelt. Eine Woche drauf sollte dann der Rest der Bagage inklusive meiner Frau mit einem Flieger eintreffen. Da wir davon ausgingen ein Auto zur Verfügung zu haben, musste nun noch ein weiteres Mietauto ran. Was soll’s? Irgendwie sollte es ja ein Traumurlaub werden. 


Die Woche bis zur Landung meiner Holden hab ich mich also ausschließlich meinem Freund und seiner kleinen Familie gewidmet bzw. ich wurde liebevoll geduldet. Wir haben die Insel erkundet. Ostküste und alternativ die um vieles stürmischere Südküste bereist. Konnten weder Feuer noch Rauchsäulen von Waldbränden erspähen, von denen man uns aus der Heimat her befragte. Sind mit viel Spaß Jetski gefahren und haben zwischendurch immer mal wieder Rücksprache mit der Werkstatt gehalten. 


Der Stand dort Vorort: Anlasser blockiert, eventuell aufgrund einer zu schwachen Autobatterie. Ein neuer Anlasser braucht 10 Tage aus Deutschland. Die haben wir zum Glück. Und der Austausch läuft komplett auf Gewährleistung. Das hätte noch einmal ordentlich ins Portmonee rein geknallt. Eine Frage allerdings bleibt. Warum hat man die schwache Batterie nicht in Deutschland erkannt. 


Endlich war’s Freitag. Hab für mich beschlossen, nie wieder so lange ohne meine Frau an meiner Seite leben zu wollen. Bin nur ein halber Mensch ohne sie. Und da war es doch eine Freude auch wenn mit ordentlich Verspätung sie in die meinen Arme schließen zu können. Zusammen mit Ihrer Begleitung, beides Freunde der Familie, fuhren wir zurück in unseren Ferienort. 


Meine Frau war leicht angeschlagen und noch recht geschafft von den vorangegangen Reisestrapazen. Der kommende Tag verlief daher recht ruhig. Pool, Strand, ne Mütze voll Schlaf und am Abend dann hab ich meiner Liebsten einen Coronatest machen lassen. Sie hatte nach zweieinhalb Jahren gemeinsamer und erfolgreicher Abwehr sich kurz vor ihrem Urlaub angesteckt. Und während nun die Furcht umging, dass sich ihre Mitteisenden auch angesteckt hatten, war ich ja auch noch da. Einen Tag später wars dann bei mir soweit. Einmal positiv getestet. Die anderen beiden wurden glücklicherweise verschont. 


Und jetzt lagen wir da. Im Bett. In dem angedachten Urlaub unserer Träume. Draußen ballerte die Sonne und wir quälten uns durch die selbstauferlegte Quarantäne. Und das mit dem Wissen, an dem 18. Geburtstag unseres einzigen Kindes nicht teilnehmen zu dürfen. Das ist hart. Sehr hart. 


Ein Lichtblick. Die Werkstatt hat Vollzug gemeldet. Und da haben meine Frau und ich kurzerhand in die mobile Quarantäne gewechselt. Eine Stunde hin. Auto eingesackt und eine Stunde zurück in die feste Quarantäne. Was für ein Lichtblick oder? Wenn wir nicht anderthalb Quarantänetage später nicht die WhatsApp bekommen hätten … das Auto springt nicht mehr an. Ich war kurz vor dem Heuelkrampf. 


Des Töchterchens Freundin hat sie zur Arbeit gebracht und dann war’s um die nächste Anlasserblockierung geschehen. Was blieb uns anderes übrig. Wieder rein in die mobile Quarantäne. Hin zum Auto. Nach einer Dreiviertelstunde sprang der Wagen dann plötzlich wieder an. Darum beschloss die Elternfraktion eine Direkteinlieferung zurück in die Werkstatt. Und da steht er nun und wird auf Herz und Nieren getestet. Zum x-ten Mal. Mittlerweile hab ich so ziemlich jede deutsche Forumseite zum Wagen durchstöbert und bis auf ein paar Probleme mit der Kabellage im Zusammenhang mit dem Anlasser nichts finden können. 


Mittlerweile nagt eine Frage an und in mir und sie wird immer lauter. Warum wir? Was haben wir getan? Es sollte doch ein extra langer Urlaub der Superlative werden. Kein ewiges Kopfzerbrechen, was mit dem Auto ist und was mit ihm sein wird. Kein ewiges Hin- und Hergefahre zwischen Werkstatt und Urlaubsort. Kein Scheiß-Coronavirus, was einem den Rest an Möglichkeiten nimmt. Ich hab leider keine Antwort drauf. Vielleicht hab ich eine in ein paar Tagen, Wochen. Oder nie.


Eins weiß ich definitiv. Ich brauche Urlaub und zwar dringend.

Donnerstag, 17. Januar 2019

Mord im Kaufhaus.

Kleiner Auszug aus dem blutigem Anzugskauf heute Abend.

In naher Zukunft wird geheiratet. Nein, nicht ich schon wieder. Sehr gute Freunde von uns. Das wiederum macht es notwendig, dass unbedingt ein nigelnagelneuer Anzug hermuss. Natürlich noch heute. Wann auch sonst? Kurzum, die Liebste von Arbeit abgeholt und fix um die Ecke an die nächstmögliche Klamottenrampe gefegt. Piep & Beklopptenburg heißt die Stoffbude. Rinn, hoch in die 2 Etagen und ab in die Jackett- und/oder Hosenabteilung. 

Ein schnittiger (Schrägstrich) stylischer Verkäufertyp, der offensichtlich aus beruflichen Gründen ganztägig im Anzug rumlaufen muss, scannt mich mit geschultem Blick. „Einmal ein Anzug in Fett bitte und bitte nicht in Blau. Blau tragen sie jetzt alle. Und ich bin nicht alle.“ schnalz ich ihm an seine fein gestriegelte Föhnfrisur. Das erste gereichte Jackett passt. Der Mann ist gut. Okay. Und nun noch eine Hose.

Doch was ist das? Quer durch den Laden schlängelt sich eine feuerrote Blutspur. Meine Augen versuchen den Ursprung des Massakers zu erspähen. Die Spur kam aus Richtung Rolltreppe. Windete sich um ein paar Kleiderständer und endete ... und endete ... und endete genau unter dem schwarzen Einkaufsbeutel meiner Frau.

Oh Gott, sie hat doch wohl nicht Arbeit mit nach Hause genommen?! Den Kopf eines schwierigen Kunden? Oder eines aufmüpfigen Kollegen? Wohlmöglich hat sie ihren Chef ...

„Scheiße ... meine Himbeeren tauen auf.“ jauchzt sie blass dreinblickend. Hat sie doch während ihrer Mittagspause tiefgefrorene Himbeeren gekauft, die natürlich noch am selben Abend verwertet werden sollen. Mit dem Spontanauftau hat se aber nicht gerechnet. Nun denn.

Es zeigte sich, dass Mr. Verkäufer auch immer ein paar Plastiktütchen hinterm Ladentisch parat hat. Meine Holde hat sich dann noch direkt mit den guten Tempotaschentüchern als Tatortreiniger vertickert. Schon verrückt so ein Shoppingtripp.

Ach ja, und einen kompletten Anzug haben wir dann auch noch käuflich erworben. Muss nur noch etwas eingekürzt werden. Hauptsache es fließt dabei kein Blut.

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Ende 2017

Über das Phänomen der Vorweihnachtszeit, über einen Anruf und über den Abschied für immer.

Zurückblickend sind die letzten Monate ... nein, ist das letzte Jahr, wie im Fluge vergangen. Ach was rede ich? Jahr um Jahr scheint die Zeit schneller davon zu rasen. Kaum hat man sich an die aktuelle Schreibweise des Datums gewöhnt, ist diese wieder hinfällig. Und wie eh und je endet so ein Flitzejahr mit der Vorweihnachtszeit. Und meine Vorweihnachtsroutine beginnt.

Ende November starten meine beiden Frauen, mit der spontanen Idee und deren direkten Umsetzung, binnen von Minuten, die Wohnung in ein Meer von Weihnachtsmannfiguren zu tauchen. Anderthalb Wochen später, so um meinem Geburtstag herum, wird dieses Bild dann mit einem Weihnachtsbaum komplettiert. Das ist dann mein Job. Und der ist in diesem Jahr leider ausgeblieben. Zeitmangel, Bequemlichkeit und die Tatsache, dass wir an Weihnachten an sich gar nicht daheim verweilen werden, hat die Weihnachtsbaumkaufundschmückaktion hinfällig gemacht. Mein Problem? Weihnachten und die damit einhergehende Stimmung wollen sich einfach nicht einstellen. Da hilft auch nicht die bunt zusammengewürfelte Playlist an entsprechendem Liedgut weiter, welche auf Arbeit, im Auto und daheim in der Endlosschleife dudelt. Nix. Kein Herzerwärmendes Miteinander. Kein Reflektieren des scheidenden Jahres. Kein "ich freue mich drauf". Und ich will es doch unbedingt. Was auch immer das nun ist.

Und dann kam dieser Anruf. Einer der Unseren ist unerwartet nach schwieriger OP, Koma und noch im Krankenhaus verstorben. Und plötzlich ist alles belanglos. Absurd scheint das eben noch ersehnte, nicht greifbare Weihnachtsding nunmehr null und nichtig geworden zu sein. Abrupt bleibt die Zeit stehen. Für ihn, für meine Familie, für mich.

Gestern war die Beisetzung. Viele Menschen waren gekommen. Viele Gesichter, in die ich lange nicht mehr sah. Wiederum viele Menschen, die ich nicht kannte und wohl auch nie kennenlernen würde. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass ich auch ihn viel zu wenig kannte. Dieser Mensch war ein Teil meiner, einer großen Familie und doch war er weit, weit weg von meinem Leben und meinem Alltag. Und nun all diese Menschen zu sehen, die sich zusammengefunden hatten, um ihm ein letztes Mal "Machs gut" zu sagen, dass tat verdammt nochmal weh. Und ich schämte mich. Nicht für die Tränen. Ich schämte mich dafür, dass ich viel zu wenig Lebenszeit mit ihm teilte.

Sich einmal weniger den Routinen ergeben. Weniger in unnützen Schubladen wühlen. Dafür einmal mehr sein Umfeld wahrnehmen. Die eigene Familie und auch darüber hinaus. Ausbrechen aus dem Trott, dem gewohntem Etwas. Es ist so simpel und an und für sich gar nicht schwer. Während wir irgendwelchen Schemata folgen oder gar nachhetzen, verlieren wir den Sinn für das Wesentliche, für das Wir in uns. Der Rest kommt dann von ganz alleine. Also auch das Weihnachtliche, das Besinnliche und all die anderen ersehnten Stimmungen, nach denen wir uns so verzerren.

Machs gut Wolle und danke dafür, dass du ein Teil meiner Familie warst und es auch immer bleiben wirst.

Mittwoch, 27. September 2017

Nur einen Wunsch frei?

Noch in diesem Jahr reiße ich die magische Vierzig. Ganz ehrlich, so magisch finde ich die gar nicht. Wer mich halbwegs gut kennt und meine Gegenwart mitunter auch alltäglich ertragen muss/darf, der weiß, dass ich mir aus meinem Geburtstag nichts mache. Gar nichts. Das war nicht immer so. Es ist über die Jahre gewachsen. Quasi „Erkenntnis im Alter“. 😋
Okay, ich versuch mich mal zu erklären.
Partys feiern, sich auch einmal gehen lassen, frei mit der Familie und den Freunden jeden einzelnen Augenblick genießen, das kann ich gut. Vielmehr noch - ich liebe es. Und Gründe zum Feiern finden sich bekanntlich zur Genüge. Hier ein paar Beispiele: Der erste Wackelzahn, Pfingsten in Sabel, Yankee Duftkerzen, unerwartete Steuerrückzahlungen, das An- und Abgrillen (meistens an ein und demselben Tag), lang ersehnte Projektabschlüsse, Entrecote im Angebot, zu kurze Röcke, standhafte Reissäcke in China, Filmklassiker mit Bud Spencer und Terence Hill, leere und somit freie Straßen, feuchtfröhliche Firmenveranstaltungen, Fynn Kliemann auf YouTube, die jährliche Herrentagstour, Stracciatella Eis, Elternabende in der Schule, der Typ mit dem Laubbläser, wahnwitzige Kommunalpolitik, schlagfertige Retourkutschen meiner Tochter, die ersten Dritten und dazu das passende Wasserglas auf dem Nachttischchen und, und, und … .
Und natürlich liebe ich es auch im Mittelpunkt zu stehen. Ich bin ein Klassenclown. Das kann und will ich nicht leugnen. Dazu stehe ich auch. Rumalbern, klugscheißen, fachsimpeln, labertieren, frech und auch mal obszön sein – all das bin ich. So kennt man mich.
Für meinen Geburtstag kann ich jedoch nichts. Schließlich liegt es nun mal in der Natur zu altern. Und dass jederzeit. Jeden lieben langen Tag, jede einzelne Stunde, Minute, Sekunde, jeden Augenblick. Geburtstag haben ist demnach keine Leistung. Und darum wünsche ich mir, dass, wenn dieser eine Tag im Jahr gekommen ist, wir alle einfach so tun, als wäre es ein ganz normaler Tag. Und wer dann doch unbedingt muss, der darf meiner Mutsch, meiner Frau, meiner Lütten und meinen Freunden und Kollegen zu diesem Tag gratulieren. Dazu, dass sie es mit mir so lange ausgehalten haben.
Genau das wünsche ich mir.
[Nachtrag: Gefeiert wird natürlich trotzdem. Irgendwann später dann. Versprochen.]

Sonntag, 11. Juni 2017

Ohne Ausreden

Ein Kerl wie ein Baum, sagt man. Grau im Ansatz, aber noch keine 40. Es sind angenehme 26 Grad an diesem Sommerabend und es pieselt, regnet auf ihn herab. Ihm ist es egal. In der Hand hält er einen Plastikbecher voll mit frisch gezapften Bier. Und so steht er nun da. Mit offenem Mund. In dieser riesigen Arena. Ihm wird schlagartig klar, dass er auf diesen Moment irgendwie 25 Jahre gewartet hat. Es sollte nicht früher sein. Keine Zeit, zu weit weg, gerade keine Kohle. Gründe! Ausreden? Melancholie will sich breit machen, doch dann setzt der erste Ton ein. Gänsehaut, wie er sie lange nicht mehr gespürt hat. Jede Faser, jede Zelle, jede Schuppe seines Körpers scheint zu brennen.

„Going Backwards“ und er ist mehr als nur dabei. Seine Kindheit, seine Jugend, seine Erinnerungen – der Beat, der Sound, er spürt die Musik und seine Gedanken gehen rückwärts.

23 Uhr. Stunden später. Der letzte Song halt noch nach. Ende, aus, es ist vorbei. Und es fühlt sich direkt so surreal, so unwirklich an. Er weiß, dass es keine weiteren 25 Jahre des Wartens geben wird. Alt sind sie geworden. Ewig wird es nicht so weitergehen. Die kommende Tour wird anvisiert. Definitiv und ohne Ausreden.

Mittwoch, 10. Mai 2017

Hate(n) like the hazelnuts ...

Facebook, Twitter, Instagram und Co.,
News, Stories, viel Bling-bling und Show.
Für mich sind diese sozialen Medien mittlerweile genau so wichtig, wie das täglich Brot. Weil schnell zu erfassen, nach meinen Interessen filterbar und durchaus auch mal ganz fix referenzierbar.
Ich bin kein Kind der ersten Stunde, aber schon so lange dabei, dass ich die verschiedensten Trends und Entwicklungen in den Netzwerken miterlebt habe. Und schon ziemlich lange und mit zunehmender Intensität stelle ich fest, dass der Volkssport, das Haten [englisch - hassen] ungeahnte Dimensionen angenommen hat.
Unsagbar viele Menschen, die früher noch versteckt hinter Pseudonymen durch die Gegend pöbelten, scheuen jetzt nicht mal mehr davor zurück unter ihrem Klarnamen alles und jeden im Netz zu deformieren. Ich frage mich schon seit langem, woher diese Unart und deren Härte herrührt.
Bitte nicht falsch verstehen. Eine Meinung zu haben ist selbstverständlich wichtig und sie zu vertreten ist etwas durchaus Gutes. Aber sie sollte mit Worten und Inhalten ausformuliert sein, die man sich auch selbst gefallen lassen möchte.
Stumpfsinniges Gepöbel, Beleidigungen, die weit unter die Gürtellinie gehen ... haben denn so viele Menschen da draußen keine gute Schule genossen?
Mich ekelt das an.
Ja klar, auch ich bin nicht immer frei von Kritik und auch mal dem einem oder anderem barschen Wort, aber beleidigen, dass muss nun wirklich nicht sein.
Das hab ich euch mitteilen wollen, weil mir das schon lange unter den Fingernägeln brennt. Und nun habt euch alle liebt oder argumentiert mit konstruktiver Kritik.
Danke 

Donnerstag, 14. Juli 2016

Das feine Netz

Die spinnt doch total. So ein verrücktes Vieh. Ich werd noch ganz kirre. Du fragst dich, von wem ich da rede? Ach so, ja ... na von der kleinen Spinne, die irgendwo in meinem Motorrad wohnt.

Jeden Tag, wenn ich zu meinem motorisierten Untersatz komme, hat diese kleine Spinne ein süßes kleines Netz an meinen Lenker dran gehäkelt. Jedes Mal denke ich dann: "Mensch Spinne, strick deine Fäden doch woanders. An dem großen Ast vom Apfelbaum gleich gegenüber zum Beispiel oder dort drüben in der Hecke." Und ja, jeden Tag zerstöre ich ihr Nachtwerk. Und jeden Tag fällt es mir ein wenig schwerer ihr Netz wieder aufs Neue einzureißen. Es gehört einfach nicht dort hin. 

Und heute? Früh hatte ich ihr Netzwerk entfernt und dann ... Stunden später, ich kam gerade von der Arbeit, um nach Hause zu cruisen und staunte nicht schlecht. Jetzt hatte die kleine Spinne neben ihrer tagtäglichen Nachtschicht auch noch eine zweite Tagschicht eingelegt. "Ich gebe mich geschlagen." hab ich ihr gesagt. Zusammen mit der kleinen Spinne und ihrem kleinen, feinen Netz an meinem Lenker, ging es dann nach Hause.

Aber nur dieses eine Netzchen. Mehr is nich drin. Du kleine verrückte Spinne.

Dienstag, 28. Juni 2016

Der kleine Spatz

Ich habe heute mit einem Spatz gesprochen. Eigentlich textete ich ihn nur stumpf zu, während er emsig kleine Zweige zusammentrug. Mir schien, er war dabei sein Nest auszubessern. Ich flüsterte ihm zu, dass er gut dran sei.

Woanders rasseln die Menschen wie blöde mit den Säbeln, als wüssten sie es nicht besser. Dummbratziges Pack, getrieben von Machtgeilen und Geldgierigen Wenigen, die weit weg von den zahllosen Kriesenschauplätzen ausharrten bis sich das niedere Bauernvolk auf deren Geheiß hin die Köpfe einschlägt. 

Kurz, so schien es mir, hatte ich die ungeteilte Aufmerksamkeit von dem kleinem Federviech. Doch dann widmete er sich wieder seiner Rohstoffsuche. Du ignorierst mich kleiner Spatz? Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Aber natürlich. Sind die Menschen erst allesamt ausgerottet, muss du kleiner Spatzenmann ja trotzdem für ein behagliches Heim und für deine Lieben sorgen. Schlaues Vögelchen. Ach wäre die Menschhkeit nur halb so clever wie du mein kleiner Spatz.

Freitag, 17. Juli 2015

Strafe muss sein oder ein „falscher Fehler“.

„Das ist ein guter Tag“ sagte ich mir heute Morgen beim Aufstehen. Freunde hatten uns zu einer Hausboottour auf der Müritz für das kommende Wochenende eingeladen. Durchaus ein Grund sich zu freuen. Denn eine frische Brise, belebende Sprünge ins kalte Nass, ein paar kühle Blonde mit den Freunden zischen und eventuell den einen oder anderen Angelerfolg in Aussicht gestellt zubekommen - da geht einem doch das Herz auf. Oder? Und da lag es durchaus nahe, sich vorab schon einmal um eine offizielle Angelkarte für den Raum Müritz zu kümmern. Soll ja perfekt werden und nicht mit immensen Straffengeldern fürs Wildfischen enden.

Gesagt, getan. Ab in Richtung Roggentin zu AngelJoe, dem Angelprofi schlechthin. Ich stehe also in der Abbiegespur an der Ampel Höhe Shelltanke und warte auf Grün, als mein Handy nach mir zu schreien begann. Das Handy aus der Hosentasche gezwängt und einen Blick auf das Display geworfen. Aha, die Schwiegermama. Prompt bestätigte sich meine Vermutung. Man hatte mich gesehen und wollte nur sichergehen, dass ich nicht zu Ihnen auf den heimischen Hof wollte, weil man gerade in die Gegenrichtung unterwegs war. Tja, Schwiegermutters geschultes Auge entgeht nichts. Sie hatte mich im Gegenverkehr wahrgenommen. Leider aber auch ein weiteres Paar Augen, die einem sympathisch dreinschauenden Uniformierten in einem blau-silbernem Sixpack zuzuordnen waren.

SCHEISSE! Ähm … Schwiegermama? Ich muss Schluss machen. Polizei. Ich bog vorschriftsmäßig ab und blickte ängstlich in den Rückspiegel. Verdammt, beim Sixpack ging das Rückfahrlicht an und man wendete. Kein Blaulicht. Bitte lieber Gott, wenn es Dich gibt, dann bitte jetzt alle umliegenden Einheiten zur Rettung einer kleinen Miezekatze ausrücken lassen. Ok. Es wäre eine Chance für Gott gewesen, sich anzubiedern. Hat er nicht gemacht. Aber das ist ein anderes Thema.

Also bog ich mit gebanntem Blick in den Rückspiegel auf den Parkplatz bei AngelJoe ein und suchte mir in der Nähe zum Eingang einen Platz aus. Kurz hatte ich gehofft, dass der liebe Herrgott mich wohl doch erhört hatte. Ätsch. Dem war nicht so. Das blausilberne Monster erschien hinter einer Hecke und kam dann direkt auf mich zu. Das war´s dann wohl, dachte ich und stieg aus. „Sie wissen was sie falsch gemacht haben?“ frug der braungebrannte Officer, der ebenfalls ausgestiegen war. Zu ihm gesellte sich eine etwas blasse aber nicht unattraktive junge Blondine. „Verkehrskontrolle. Fahrzeugpapiere, Führerschein und Ausweis bitte“ bekam ich von ihr zu hören. Kennt eigentlich einer noch den Film „Tage des Donners“ mit Tom Cruise und der falschen Polizistin, die eigentliche eine …? Ich schweife ab. Sorry. Nach meinem Schuldeingeständnis und der darauffolgenden Belehrung erfragte ich dann noch die zu erwartende Straffe. „60 Euro wird sie das kosten“ meinte der Mann und seine Kollegin ergänzte dann noch fix: „Und einen Punkt gibt es noch obendrauf“. 

Das dazu. Was für ein schöner Tag. Und wenn ich jetzt noch ergänzen darf, dass mich der gute Mann bei AngelJoe an die örtlichen Fischer und Angelläden rund um die Müritz herum verwies, weil man nur dort die offiziellen Angelkarten erwerben könne ...

Mit diesem Wissen und das auch etwas früher kommuniziert, wären mir die 60 Euro und das Pünktchen in Flensburg (Prost) wohl erspart geblieben.

Es kann nur besser werden. Ich wünsche Euch ein schönes und erholsames Wochenende und bitte nicht beim Autofahren telefonieren.

Dienstag, 16. Juni 2015

Ich und alt.

In den Siebzigern geboren. Verdammter Mist. Bin ich etwa ALT? Offensichtlich. Es fühlt sich aber nicht danach an. Meistens zumindest. Natürlich gibt es Tage, da spüre ich jeden Knochen in mir. Das liegt dann aber eher an den nichtalltäglichen Tätigkeiten, wie das Vollziehen von Umzügen, ungeliebten Auf- und Umräumaktionen oder sportlichen Aktivitäten mit den Kumpels. Der alten Zeiten wegen. Leider viel zu seltenen. Und daher immer mit Schmerzen verbunden.

Niemand kann leugnen, dass die Zeit an Einem einfach so vorbei zieht. Auch der Alkohol scheint heutzutage spürbar mehr als zu meinen Sturm- und Drangzeiten seine Wirkung zu entfalten. Mitunter ist das aber auch ein Zeichen mangelnden Trainings. Vielleicht geht das auch mit der sich immer weiter entwickelnden Vernunft einher. Oh Gott … ich bin wirklich alt. Floskeln, wie diese kannte ich früher nicht.

Ich habe kapiert, dass sich die Zeit in so vielen Dingen widerspiegelt und es ist mir klar geworden, dass nichts für ewig wehrt. Mein Töchterchen zum Beispiel. Sie wird bald 11 Jahre alt. ELF JAHRE ALT. Das scheint mir ein anderes “elf Jahre alt” zu sein als zu meiner Zeit. Überhaupt sah ich in ihrem Alter eine Menge Dinge mit anderen Augen. Mehr mit Kinderaugen. Jetzt könnte man mir mit der Pubertären Weiterentwicklungskeule von Mädels gegenüber gleichaltrigen Buben kommen. Aber nein. Ich kann mich noch gut an meine Mädels in der fünften Klasse erinnern. Die waren allesamt anders. Das soll nicht bedeuten, dass ich nicht gutheiße, wie sich mein Kind entwickelt. Nein. Aber warum lässt sie sich nicht noch etwas Zeit damit? Also mit dem Erwachsenwerden.

“Es ist einfach eine andere Zeit gewesen”, hat mir unlängst ein Kumpel im Gespräch über den Wandel der Generationen an die Birne geknallt. Der mediale Einfluss war anders. Klaro. Wir hatten einen medialen Einfluss einfach nicht oder so gut wie gar nicht. Kein Markenbewusstsein. Ich kannte kein Adidas, Fruit of the Loom oder Nike. Wobei, doch … wir nannten die Shirts allesamt Nicki. Aber das hat wohl wenig bis gar nichts mit Nike zu tun. Egal. Was ich damit sagen will, dass sich so viele Dinge seither verändert haben. Und viele Dinge zum Nachteil, wie ich finde.

Früher war es eine echte Strafe für uns Lütten Stubenarrest erteilt zu bekommen. Heute musst du die Kids vor die Tür jagen, damit sie ein bisschen Farbe abkriegen. Heute ziehen Verbote von TV, Pc und Smartphone mehr denn je. Apropos Smartphones. Hatten wir auch nicht. Wir sind früh raus und spät wieder rein. Heute hat jeder so ein Smartphone. Jeder Zeit erreichbar. Volle Kontrolle. Und wenn mal nicht. Ja dann ist die Hölle los. Warum bist du nicht an dein Handy gegangen. Ich bin vor Sorge fast gestorben. Ein hausgemachtes Problem – ich weiß. Aber eben auch eine Quittung der sich immer ändernden Zeit. Kannst deinem Kind ja nicht verwehren, was andere Kinder und du selber auch machst.

Zum Glück sind da aber auch noch die Momente, wo sich meine Lütte ihrem Alter entsprechend wie eine Elfjährige verhält. Die kindliche Vorfreude auf bevorstehende Geburtstage. Der Wunsch nach Spielsachen. Ich staune dann zumeist, wie sie von einer Sekunde auf die andere von der frühfraulichen Person mit Lippenstift und Nagellack wieder zu meiner kleinen Püppi wandelt. Ich weiß aber auch, dass diese Momente immer mehr verschwinden werden. Wir werden nun mal alle älter.

Donnerstag, 26. März 2015

Traurig

Auf der Straße. Kurz nach dem Starten des Wagens. Genervt vom Radiobetrieb auf CD geswitcht. Daheim. Glotze an. Schnell durchgezappt und wieder aus die Kiste. Vom Internet, dem „geliebten“ Fressebuch, einmal ganz zu schweigen. Medial wird gegenwärtig endlos mit Mutmaßungen, Videoschleifen, Stories mit und um den Flug 4U9525 nur so um sich geschmissen. Wie grausam für diejenigen, die von dieser Tragödie direkt betroffen sind.  Menschen, die ihre Liebsten verloren haben. Unvermittelt. Kalt und herzlos aus dem Leben gerissen. Ich vermag mir nur im Ansatz vorzustellen, wie es sein muss, wenn man versucht, in seiner Trauer dieser Nachrichtenwulst zu entfliehen. Nachrichten? Das sind keine Nachrichten. Das ist einfach nur Mist.
Anteilnahme ist gut und auch sehr wichtig. Und eine lückenlose Aufklärung ist unabdingbar. Das wird jedoch Zeit brauchen und letztendlich werden wir es erst erfahren, wenn die Medien den Hype dieser Tage schon längst hinter sich gelassen haben. Wenn die „News“ verbrannt sind. Und die Titelüberschriften es nicht mehr hergeben.

- Bei uns im Studio zugeschaltet ist „der Luftfahrtexperte der ARD“ Herr … .
- Germanwings-Crews verweigern den Dienst. Aus Trauer oder doch aus Angst?
- Nur ein Pilot soll im Cockpit gewesen sein.
- Nur bei uns. Ausführlicher Live-Ticker zum Germanwings-Absturz.

Gibt es eigentlich noch so etwas wie den informativen, auf Fakten beruhenden Journalismus? Ist eine Nachricht es nur dann wert, wenn sie Gegenstand waghalsiger Theorien ist? Kürzlich las ich, dass Gaffer mit Fotoapparaten bewaffnet bei einem Autounfall auf irgendeiner Autobahn erst für ihr Verhalten kritisiert und dann zur Verantwortung gezogen wurden. Zum Gaffer ist der Mensch aber nicht geboren. Er wird dazu erzogen. Die Medien tragen ihren Anteil dazu bei. Klatsch, Tratsch, ja das regelrechte Ausweiden von Tragödien und das anschließende Präsentieren in Gazetten, im TV und teils unzensiert im Internet. Das soll wahrhaftig Journalismus sein?
Das macht mich richtig traurig. Keine Ahnung, wohin das noch führen soll und führen wird. Höchstwahrscheinlich zu einer Art Verrohung der Gesellschaft. Anteilnahmslosigkeit im besten oder doch im schlimmsten Fall. Ich auf jeden Fall werde mich einmal mehr von dieser Art der „Berichterstattung“ freisagen. In Gedanken an jene, die gegangen sind, und denen, die nun lernen müssen damit zu leben. Das Leben ist leider auch sehr grausam.

Dienstag, 3. Februar 2015

Glauben

Anscheinend kommt gegenwärtig keine Nachrichtensendung ohne einen Beitrag über radikale Religionsfanatiker und deren Tun und Handeln aus. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht in irgendeiner medialen Form mit Religionsanhängern und natürlich auch mit deren Gegnern konfrontiert werde.

Ich glaube es ist an der Zeit, sich einmal mehr mit dem Thema Glauben zu beschäftigen. Schon lange denke ich über Sinn und Unsinn nach. Was ist der Glaube? Und was bedeutet es, an etwas zu glauben? Und vor allem, warum können Gläubige und Nichtgläubige nicht miteinander oder zumindest nebeneinander existieren. Wie viel ist ein Glaube wert, wenn er sich nicht um das Leben anderer schert?

Gleich vorweg, ich bin nicht religiös veranlagt. Glaube demnach nicht an Gott oder göttliche Fügungen. Dementsprechend fällt es mir schwer, auch nur ansatzweise nachzuvollziehen, was Menschen bewegt, im Namen ihrer Religion Dinge zu tun, die Andersdenkende und natürlich Andersgläubige verletzen oder gar umbringen können.

Ich habe viel darüber nachgegrübelt, warum ich eigentlich nicht an einen Gott glaube. Und ob ich überhaupt an etwas glaube. Das wird zum Einem an meiner Erziehung liegen. Meine Eltern und auch meine Großeltern sind und waren niemals religiös. Dessen bin ich mir jedenfalls recht sicher. Außerdem bin ich gegenüber “göttlichen Wundern” viel zu skeptisch beziehungsweise pragmatisch eingestellt, als dass ich Dinge, die mir nicht einleuchten, mit göttlichen Instanzen erklären würde.

Und trotzdem glaube ich. An die Familie zum Beispiel. Der Begriff “Familie” beschreibt bei mir weit mehr als nur die Summe aller Blutsverwandten und angeheirateten Parteien. Natürlich sagt die Familie auch etwas darüber aus “Woher ich komme” und “Wohin es mich bringen wird”. Aber darüber hinaus zähle ich alle meine Freunde zu meiner Familie. Ich glaube an meine Freunde. Und für gute Freunde würde ich weit gehen. Wie weit? So weit es mir menschlich möglich ist!

Woran glaube ich noch? An die Musik. So, wie ich mir ein Leben ohne Familie nicht vorstellen kann, so ist es ohne Musik nicht lebenswert. Auch wenn ich die Tatsache bedaure, kein einziges Musikinstrument spielen zu können, so gibt mir doch die Musik in ihren vielfältigen Formen Halt und Kraft. Musik lässt mich intensiv Spüren, Fühlen, Emotionen ausdrücken. Für die Musik bringe ich Opfer. Gebe Geld für Tickets oder Tonträger aus. Bewundere, ach was, ich vergöttere ihre Macher. Musiker sind die Genies der Gegenwart und der Vergangenheit. Musiker sind meine Götter. Ich habe viele Götter, die alle nebeneinander und miteinander existieren.

Warum können die Religionen, ob nun Christentum, Islam, Hinduismus, Judentum, Buddhismus und alle anderen Glaubensrichtungen nicht gemeinsam oder zumindest mit gegenseitiger Akzeptanz nebeneinander existieren oder gar koexistieren? Warum muss die jeweils eigene Religion, die einzig wahre sein? Neben meiner Familie gibt es unsagbar viele andere Familien, gegen die ich keinen Groll hege und mit denen ich wunderbar leben könnte. Hier und da wird eine dieser Familien dann auch wieder die meine verstärken. Vorausgesetzt, man lässt es einfach geschehen. Lässt niemanden außen vor.

Montag, 5. Januar 2015

2015

Ein schauriges Gebrüll riss mich heute Morgen aus dem Schlaf. Noch tief verträumt versuchte ich die Quelle des Lärmes zu lokalisieren. Sie schien sehr weit weg zu sein und da … jemand schrie meinen Namen. Verdattert wühlte ich mich aus meinem Bett und tapste zum Fenster. Regen. Dunkle Nacht. Einsamkeit. Niemand zu sehen. Und trotzdem rief jemand aus der Ferne meinen Namen.

Knapp 2 Stunden später. Ich sitze hier in meinem kleinen, kalten Büro und ich weiß, wer oder besser was mich da rief. Mein Schreibtisch – die Sau!

Dienstag, 23. Dezember 2014

Joe

Kannst Du Dir das vorstellen? Mehr als 400.000 Menschen, die sich versammelt hatten, um ein Teil der Musikgeschichte zu werden. Ob ihnen das damals schon bewusst war?

Und sie waren frei. Frei von so vielen Dingen. Keine Handys. Kein Internet. Auch frei von Konservierungsstoffen. Frei im Geist. Frei im Denken. „Revolution“ war eine praktizierte Tagesaufgabe und nicht nur ein Begriff aus dem Lexikon. Gut. Vielleicht nicht für jeden – aber für sehr viele.

Und dann stand da diese, für damalige Zeiten gigantische Bühne inmitten eines Ackers und ein Genius nach dem Anderen erklomm sie und ließ sich fallen. Gab einfach alles. Damals zählten noch Stimme, Kreativität und Message. Grateful Dead, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Richie Havens und und und … und eben auch Joe Cocker.

Warum Zeiten nachträumen, die man doch gar nicht selbst erlebt hat? War doch nicht meine Zeit! Stimmt. Einfach gesagt - die Liebe meines Vaters zu dieser Musik war es. Paps hatte diesen handgemachten Sound verehrt. Ihn gespürt. Ihn gelebt. Und das hat mich irgendwann dann auch infiziert. Mich mitgenommen.

2005 war ich mit meinem Vater in der Standhalle bei dem Live Konzert mit Cocker. Und Joe, der alte Haudegen haute doch wahrlich diesen wahnsinnigen Urschrei in dem Song „With A Little Help From My Friends“ raus. 35 Jahre nach Woodstock erschuf dieser Mann noch immer so eine gewaltige Aura. Bei dem Gedanken an dieses Konzert und diesem Moment bekomme ich direkt wieder eine Gänsehaut. Immer wieder.

Nun ist Joe tot und es fühlt sich an als wäre ein Teil von mir mit ihm gegangen. Mir ist gerade bewusst geworden, dass ich nie wieder ein Konzert mit ihm erleben werde und das tut weh. Sehr weh. Aber seine Lieder bleiben und wie bei so vielen Dingen eben auch die Erinnerungen, die ich damit verbinde. 

Dienstag, 2. Dezember 2014

Nackte Angst

Letzte Nacht hat mich ein Traum aus dem Schlaf gerissen. Noch viele Stunden später beschäftigte er mich. Jeder weiß, dass Träume nicht immer gleich strukturiert oder auf ein und derselben Zeitachse ablaufen müssen. Das Gehirn verarbeitet im Schlaf Unmengen an Informationen. Lässt Protagonisten, Örtlichkeiten, Emotionen schlagartig wandeln und dadurch keine Möglichkeit ein klares Bild des Traumes wiederzugeben. Aber letzte Nacht … der Traum war so erschreckend real, wie eine Erinnerung, die nicht verblassen will oder nicht kann.

Der Traum handelte von meiner Familie und von meinen Freunden. Unter freiem Himmel an einem See saßen wir alle beisammen. Wir feierten irgendetwas. Hatten Spaß. Lachten. Aßen. Die Kinder tobten und tanzten um uns herum. Bunte Farben überall. Und plötzlich hielten alle schlagartig inne. Angst, Entsetzen, Fragen, Ungläubigkeit – all das lass ich in Ihren Gesichtern. Ich war Ihnen zugewandt und stellte fest, dass sie alle durch mich hindurch und an mir vorbei auf den Horizont starrten. Ich drehte mich also um und sah dieses gleißende Licht. War völlig geblendet. Es brannte in meinen Augen. Mit der Hand vor dem Gesicht versuchte ich durch dieses Licht hindurch zu sehen. Vergebens. Und so schnell wie dieses Licht am Horizont auftauchte, verschwand es auch wieder. Totale Stille. Vom Licht geblendet tastete ich nach der Hand meiner Frau, die neben mir saß. Sie wiederum zog unsere Tochter zwischen uns. Ich sah meiner Frau ins Gesicht und sah diese Angst. Diese nackte Angst.

Und im nächsten Augenblick kam eine schwarze Welle, schwarze Wolke ... nein eine schwarze Wand auf uns zugerast. Alles schwarz. Schwarz.

Hochgeschossen, lag ich auf einem Arm aufgestützt in meinem Bett. Mein Herz hämmerte mir in der Brust. Ein Traum. „Das war nur ein Traum“ wurde mir klar. Meine Frau schlief tief und fest neben mir. Ich rappelte mich auf und verschwand in der Küche. Ein Glas Wasser sollte für Erfrischung und klare Gedanken sorgen. Mein Blick fiel auf die Uhr an der Mikrowelle. Es war 04:36 Uhr. Mitten in der Nacht.

Auf dem Weg zurück zum Schlafzimmer blieb ich vor dem Zimmer meiner Tochter stehen. Lauschte. Öffnete sacht die Tür und sah sie im fahlen Schein des Mondlichts liegen. Ich ging zu ihr ans Bett und zog ihr die Bettdecke hoch. Sie sah so unschuldig aus, wie sie da lag mit ihrem Lieblingskuscheltier im Arm. Keine Ahnung, wie lange ich da noch an ihrem Bett stand. Mir war mehr als nur bewusst, wovon ich nur Minuten zuvor träumte.

Ich hoffe, dass dieser Moment nie kommen wird und auch meine Tochter und meine Enkel und deren Kinder und Enkel dieses Ende niemals sehen werden.

Zurück in meinem Bett spukten mir diese Gedanken noch lange durch den Kopf. Schlussendlich entließ mich ein einziger Wunsch zurück in meinen Schlaf. Falls irgendwann dieser unsagbare Moment kommen sollte, der alles beendet und alles was es gibt mit sich nimmt, dann möchte ich bei meiner Familie sein. Ich möchte dann nicht alleine sein. Die Angst vor dem Alleinsein überwiegt so viel mehr als die Angst vor dem Ende.

Ist das normal?

Montag, 1. Dezember 2014

Allet Jut!

Diese 2 Sätze bringt man mir in letzter Zeit immer öfter entgegen: „Alles gut bei Dir?“ und „Du bist heute so nachdenklich.“

Um da ein paar Missverständnisse aus dem Weg zu räumen – Ja, mir geht es an und für sich recht gut. Ich kann physisch keine Probleme benennen und psychisch belastbar bin ich wohl auch. Quasi kerngesund. Glaube ich zumindest. Und die vermeintliche Nachdenklichkeit ist das Resultat eines jahrelangen Trainings, bei dem ich versuche höchst angestrengt zu wirken, obwohl mir just in diesen besagten Momenten einfach mal gar nix durch den Kopf geht.

In anderen, auch nicht wenigen Momenten aber, bin ich wirklich mit dem Kopf in ganz wichtigen Dingen vertieft. Meist sitze ich dabei in meinem kleinen Office und versuche meine Kunden zufrieden zu stellen. Das ist nicht einfach. Und dabei darf man schon mal so wirken, als wäre man nachdenklich. Ist nix Schlimmes. Allet jut.

Trotzdem Danke der Nachfrage.

Dienstag, 25. November 2014

Ohne

Ohne … bin ich kein Mensch – eine leere Hülle nur.
Ohne … falle ich tief – kann nichts fassen.
Ohne … klingt jeder Ton nach Moll – verblasst ist Dur.
Ohne … quetschen Steine meine Brust – Geröll in Massen.

Ohne … die Sonne nicht wärmt – ihr Schein ist schwach.
Ohne … der Tag nicht geht – die Nacht sich streckt.
Ohne … zähle ich die Sekunden – liege noch lange wach.
Ohne … der Mond trostlos wacht – schlaflose Gedanken heckt.

Ohne … schmeckt alles fad – ist Süßes bitter.
Ohne … fehlt es an Leichtigkeit – stürzt ein Blatt so schwer.
Ohne … getrübte Märchenwelt – kein Feenstaub ohne Glitter.
Ohne … ausgetrocknete Wüste – weiter Strand ohne Meer.

Ohne Dich.

Sonntag, 9. November 2014

Eingemauert?

Ein Kind der Wendezeit.

Genau ein Monat nach dem Mauerfall feierten wir gemeinsam meinen 12. Geburtstag. Ein Monat, der bereits so viel Neues mit sich brachte. Es war eine chaotische Zeit des Um- und Aufbruches. Und wir waren mittendrin. Ich war zu jung, um die Zusammenhänge im Ganzen verstehen zu können. Wiederum war ich alt genug, so dass ich heute rückblickend meinen Eindruck wiedergegeben kann.

Auf Rügen, in der beschaulichen Hafenstadt Saßnitz waren wir weit ab vom Schuss, so dass uns die Vorgänge in Berlin, Leipzig, Rostock und in den vielen weiteren Demonstrationshochburgen verborgen blieben. Und so kam es auch, dass der 9. November für uns ein Tag, wie jeder andere war. Erst am Morgen danach, am 10., hörte meine Mutter im Radio auf DT64 eine Live Reportage vom Kudamm. Ihr erster Gedanke - so früh am Morgen schon ein fiktionales Hörspiel im Radio - die spinnen wohl. Doch schnell begriff sie, dass sie da im Radio die Gegenwart, und aus heutiger Sicht, Geschichte pur serviert bekam. Sie rief meinen Vater zu sich und beide begannen erst gespannt zu lauschen und dann aufgeregt zu diskutieren. Jetzt wurden wir, meine zwei Jahre jüngere Schwester und ich aufmerksam. Es war irgendetwas passiert. Und ab da änderte sich alles.

Die Schulen halb leer. Betriebe unterbesetzt. Niemand hatte einen Plan. Und schon kehrten die Ersten aus dem anderen Deutschland wieder heim. Warst Du wirklich drüben? Wie war es da? Haste was mitgebracht? Irgendwann sind wir dann auch in den Westen gefahren. Knapp 3 Wochen später. Nach Lübeck. Einfach mal gucken. Überwältigend war das. Eine Reizüberflutung für uns Kinder und für meine Eltern eine Menge Unsicherheit gepaart mit Neugier.

Wie schon erwähnt, Rügen war weit weg vom Rummel. Daher kannten wir Inselkinder auch kein Westfernsehen. Den ersten Kontakt mit westlichen Medien hatte ich knapp ein Jahr zuvor, als wir meine Tante in Berlin besuchten. Die hatte unzählige, mir nicht bekannte Sender in ihrer Glotze zur freien Auswahl. Ein echter Kulturschock für mich. Bis dato war das Fernsehen nicht wirklich eine Option. Wunschbriefkasten, Fernsehballett oder Sandmann? Das ging mir am Allerwertesten vorbei. Aber diese unbekannte Sendervielfalt und ins besondere dieser eine Film - Planet der Affen - ließen mich, wieder daheim in Saßnitz, lange nicht los. Was habe ich an der Antenne rumgebastelt und die Senderfrequenzen hoch und runter durchgesucht. Immer in dem Bewusstsein - das ist irgendwie nicht richtig. Hinterfragt hatte ich das Ganze nicht wirklich. Und die Zeit verging und ich verlor das Interesse an der fernen Fernsehlandschaft wieder.

Wir Kinder der Insel langweilten uns deshalb nicht. Wir hatten die Ostsee vor der Tür oder waren in Wald und Flur unterwegs. Irgendetwas gab es immer zu tun. Die Modelleisenbahn AG in der Schule. Bei Oma Schallplatten lauschen und dabei mit Buntstiften der Kreativität freien Lauf lassen. Mit Opa in der Garage rumwerkeln. Oder mit den Kumpels auf unseren Fahrrädern durch die Weltgeschichte rasen. Es gab genug Kurzweil für uns. Rügen war für mich ein wahr gewordener Traum.

Auch noch nach der Wende. Das Leben ging natürlich weiter. Anfänglich weniger geordnet und dennoch voran. Neues Schulsystem. Gymnasium. Neues Auto. Golf "Madison". Und die weite Welt. Frankreich. England. Italien. Und, und, und. Mit meinen Eltern entdeckten wir nun das restliche Europa. Polen und Tschechei kannten wir ja zur Genüge. Und die Zeit ging weiter ins Land. Von Rügen nach Rostock. Schulende. Ausbildung. Bundeswehr. Job und dann die eigene Familie. Und nun?!

Zusammen mit meiner 10jährigen Tochter sitze ich gelangweilt vor der Glotze. Tausende bunte Kanäle und nur Mist. Und dann bleibe ich bei diesem einen Sender hängen. 25 Jahre Mauerfall. Die Bilder aus Berlin, die mir heute mehr als damals eine Gänsehaut und einen Knoten im Hals verschaffen. Und dann fragt mich meine Lütte. Papa, du hast doch auch in der DDR gelebt. Wie war es da? Ich überlege kurz und sage dann entschlossen. Es war eine andere Zeit. Aber es war auch wunderschön. Sie entgegnet mir. Aber die im Fernsehen sagen, dass das alles nicht gut war in der DDR. Das mag sein, entgegne ich ihr. Ich war damals noch ein Kind. Mir ging es gut. Unserer Familie ging es gut. Es gab viele Dinge, die wir nicht hatten und vielleicht auch deshalb nicht vermissten. Es ist mir nicht möglich ihr im Detail zu erklären, was mich mit der DDR und auch mit der Wendezeit so verband.

Stunden später, als ich das hier zu Papier gebracht hatte, war mir dann klar, warum ich alles so und nicht anders hätte noch einmal erleben wollen. Es waren nicht die DDR, die verwirrten Wendezeiten und auch nicht das Danach in einem vereinten Deutschland, was mich in meinen Erinnerungen fesselte. Nein. Es ist die Familie, die vielen lieben Menschen mit denen ich diese Zeiten erleben durfte, die mich prägten und zu dem machten, der ich heute bin. Viele dieser Menschen sind heute nicht mehr da. Aber damals waren sie es und darum möchte ich nichts von alledem missen. Ich hoffe meine Tochter wird eines Tages verstehen, was ich damit meine.
  

Dienstag, 28. Oktober 2014

London

Alle sind sie Londoner. Und ich bin es jetzt auch. Nach Hunderten Meilen in der Londoner U-Bahn darf ich mich so nennen. Den Titel kriegt nicht jeder. Nun ist er mein.

Am Anfang war ich nur ein einfacher Tourist. Ein Reisender, den man den zwei größten vorherrschenden Gruppierungen in London nicht so recht zuzuordnen wußte. Da sind zum Einen die Unscheinbaren, die sich ihrer Umgebung vollends angepasst haben. Ihr Kredo lautet: “Alles, nur nicht auffallen”. Der zweite Haufen ist das totale Gegenteil zur Anpassungsmasse. Die wollen gesehen werden. Knallige Klamotten, schrille Frisuren, ein lautes bzw. ein nicht zu überhörendes Wesen legt dieser Typ von Londoner an den Tag.

Und was verbindet die Menschen dieser zwei Kategorien miteinander?

In der Tube ist ein jeder für sich. Alleine! Es gibt quasi kein Miteinander. Keine zusammenhängende Gruppen- oder Paarbildung. Das zumindest war mein Eindruck. Es wurde auch nicht großartig geredet. Klar, der eine und andere labertierte oder quakte wild vor sich her und zuweilen auch mit sich selbst. Der gemeine Tuber jedoch lass still seine Zeitung, hörte Musik oder taktierte sein Smartphone. Und alle hatten sie ihre Stöpsel in den Ohren. Ein befremdlicher Anblick. Ich habe mir irgendwann einfach die Enden der Strippen meiner Kabutzenjacke in die meinen geklemmt, um mich zumindest optisch anzupassen. Da sitzt Du dann mit den Stricken in den Ohren und kämpfst gegen die Druckunterschiede in der Tube an. Das ist auch so eine Sache. Wirklich niemand außer mir schien diese Drucksprünge, wie man sie aus dem Flieger kennt, zu spüren.

Das unentwegte Knacken in den Ohren und das daraus resultierende schlechte Hörvermögen – es nervte einfach alles. Also entweder sind die Londoner allesamt eingeschworene Apnoetaucher oder sie verfügen über irgendeine Art Trick mit diesen Druckschwankungen umzugehen. Und so war es dann auch. Langgezogenes Gähnen, Kaugummi kauen oder das schlichte “Allesinsichhineinschlingen” sind des Tubers Lösungen. Der Druck weicht und die Qual hat ein Ende. Nebst den Schnüren in den Ohren, begann ich also die Vorräte aus meinem Rucksack wegzurationalisieren. Und so wurde ich zum Londoner. Mit Pseudo Stöpseln in den Muscheln und vollem Mund durch den Untergrund.

Mittwoch, 30. Juli 2014

Was sind schon 10 Jahre?

Das ist doch gerade erst jetzt gewesen. Wo ist die Zeit nur hin? Wenn ich die Fotos der letzten 10 Jahre durchwühle (bildlich gesprochen – digital wird weniger gewühlt – mehr geklickt), dann ist es immer rasch da – das Gefühl ... der Gedanke … oder besser noch, die Erkenntnis. Genau, die Erkenntnis. Das sind alles Aufnahmen, die so nicht wiederkommen werden. Der Tag Deiner Geburt. Die ersten holprigen Schritte. Dein erster Roller, Dein erstes und zweites Fahrrad. Ich weiß, das Dritte muss her. Einschulung Türmchenschule, Abschlusszeugnis Türmchenschule, Einschulung Orientierungsstufe Heinrich-Schütz-Schule ...

Könnte ich das doch alles besser festhalten. Etwas mehr genießen.

Eben noch unbeholfen in meinen Armen, bist Du jetzt alleine mit Bus und Bahn ins Zentrum gefahren. Triffst Dich dort mit Freunden zum Shoppen oder fährst zu Deinen geliebten Ponys und Pferden, um sie zu putzen und mit ihnen auszureiten. Das macht mir Angst. Ungerechtfertigter Weise – ich weiß. Das kannst Du doch alles. Das weiß ich auch. Bist ja schon groß. 10 Jahre verfliegen wie nichts. Was werden die nächsten Jahre für Dich vorhalten? Was für uns? Und was für mich?

Die erste Liebelei? Lass Dir gesagt sein, die Halterung für das Schrotgewehr ist schon gekauft und muss nur noch über der Eingangstür angeschraubt werden. Der schulische und berufliche Werdegang? Glaub mir mein Schatz – Reithofbesitzerin ist kein richtiger Beruf. Die erste richtige Liebe mit Schmerzen und Sehnsüchten? Mama und Papa haben immer ein offenes Ohr für Dich. Die eigene Familie? Gott oh Gott … lass Dir ganz viel Zeit damit mein Schatz.

Heute feiern wir Deinen 10. Geburtstag. Das erste Mal zweistellig. Das ist doch was. Für Dich und auch für mich. Ich liebe Dich meine kleine Emma.

Dein Papa - "Für Emma und ewig"